Literarisches
 Literarische Beiträge zum 90 jährigen Jubiläum von Lohengrin

NACHWUCHSSORGEN
 
Neulich saß ich im Park und wurde nach einer kurzen Verschnaufpause auch schon wieder belästigt. Ein Kind stand vor mir im Gras und deutete auf mich. Ich sah, wie seine Augen leuchteten.

"Duhuh, Onkel-llh!"

"Ich bin nicht Dein Onkel", wehrte ich bescheiden ab. Aber meine Meinung schien das kleine Mädchen nicht besonders zu interessieren, und so setzte es nach. "Du bist doch bei Lohengrin, Onkel?"

Eine unangenehme Frage, zugegeben. Später erst erkannte ich, daß ich mich darauf besser nicht hätte einlassen sollen. "Was denn?", fragte ich unbefangen, und sofort kam es rhetorisch geschult zurück.

"Rat ma!"

Ahnungslos, wie ich damals war, fing ich munter zu scherzen an. "Vielleicht eine Freikarte? Ein Autogramm? Oder doch besser ein Backstage-Abend bei der nächsten Premiere?"

"Ganz faaalsch", belehrte mich das Mädchen, "eine Rolle! Ich will 'ne Rolle ham."

Ich grinste smart über soviel Unschuld und begann mir eine Kippe zu drehen.

"Soso", murmelte ich dann und befeuchtete das Paper. Um Zeit zu gewinnen, versuchte ich mit mühsamen Daumenbewegungen mein altes Feuerzeug in Gang zu kriegen. Es wurde jedoch langsam unruhig, und so begann ich es behutsam auf eine aus seiner Sicht wohl schwer verständliche Tatsache einzustimmen.

"Eine Rohe willst Du also. Und was machen wir, wenn unser nächstes Stück schon besetzt ist?"

Das Kind war jedoch schlauer, als ich gedacht hatte und ließ sich keinen Augenblick von der Existenz möglicher Sachzwänge verunsichern.

"Ich will aber ne Rolle!", brüllte es und stampfte zornig auf.

"Dann geh doch zu Herrn Heinrichs Kindertheater", schlug ich vor. Aber das wollte der kleine bockige Trotzkopf nicht hören.

"Krieg ich jetzt ne Rolle oder nich'?" schrie das kleine Mädchen und fing fast zu heulen an. Erstmals bemerkte ich einen kleinen schwarzen Gegenstand, den seine niedlichen Patschhändchen umklammerten.

"Was willst Du denn damit?"

Der blitzende Stahl hatte mich neugierig gemacht.

"Das kriegste nich. 's gehört mei'm Papi."

Ich erschrak. Es war tatsächlich die naturgetreue Nachbildung einer Gunshuttle-28.

"Hat Dir Dein Papi denn nicht gesagt, daß man mit so etwas auch im Spaß nicht spielt", versuchte ich abzulenken und fugte hinzu, "Du bist doch höchstens erst sechs".

"Wieso Spaß, Onkel? Ich will jetzt meine Rolle!"

Mit diesem Balg war einfach nicht zu reden. Ich schaute mich um. Niemand suchte die Kleine.

" Jetzt hör mal genau her", wandte ich mich ihm wieder zu, um die ganze Sache zu einem Abschluß zu bringen.

"Ich bin tatsächlich Spielleiter bei Lohengrin und irgendjemand muß Dir das gesteckt haben - mir egal. Ich lasse mich jedenfalls von niemandem erpressen, Du Rotzlöffel. Also steck Dir Dein Spielzeug sonst wo hin und geh hübsch friedlich mit den anderen Kindern spielen, sonst..."

"Sonst?"

Achselzuckend gab ich meine letzten pädagogischen Bemühungen auf und erhob mich von der Bank. Die Uhr zeigte Viertel nach sieben. In wenigen Minuten würden sowieso die Proben im Gemeindehaus anfangen. Kaum hatte ich mich von meinem Platz erhoben, da hörte ich plötzlich das dröhnende Geräusch eines platzenden Sektkorkens hinter mir. Nach dem dritten oder vierten Schritt machte sich ein stechend scharfer Schmerz an meinem rechten Handwurzelknochen bemerkbar. Ich betrachtete die Hand. Ein glatter Durchschuß! Blut quoll aus der frischen Wunde. Ich drehte mich um und starrte in den wollüstig glucksenden Kindermund mit den unglaublich gelben Zahnruinen.

"Gibste mir jetzt ne Rolle?"

Störrisch, meinen Prinzipien folgend, erkundigte ich mich: "Muß es denn unbedingt im nächsten Stück sein ?" Da gab das Kleine zwei weitere Schüsse aufmeine Beine ab. Ich verlor den Halt und plumpste in die nächste Pfütze. Benommen von der sich in meinen Knien ausbreitenden Taubheit versuchte ich den Kopf zu heben. Noch immer war das Lachen einer schrillen Kinderstimme zu hören. Ich bemühte mich, einen klaren unverfälschten Gedanken zu fassen und bellte schließlich mit heiserer Stimme: "Du willst Dich ja nur unreflektiert exhibitionieren, um Deine narzißtischen Existenzängste zu sublimieren! "

Das hätte ich in dieser Deutlichkeit so besser nicht sagen sollen. Denn kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, bohrte sich eine grauenhaft kalte Revolvermündung in meine linke Schläfe.

"Keine Rolle, Onkel, nein'?" Mein Schicksal war besiegelt.

Text von Bernd Reinhold
aus dem Heft "Der 90. Geburtstag"
oder "Rambacher Schwanengesang"



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